Beobachtung mit dem Miyauchi 20x100-45°

Prof. Dr. R. Claus, Olching

 

Die Gläser sind neu nicht mehr verfügbar. Der Hersteller hat die Produktion eingestellt. Gebrauchte Miyauchi's haben wir ab und an verfügbar.

Es gibt vom Erscheinungsbild fast identische chinesische Kopien, die allerdings nicht ansatzweise mit der Leistung des Miyauchi mithalten können.

Als höchstwertige Alternative zum Miyauchi empfehlen wir das Kowa Highlander, das mit seiner überragenden Qualität mit 82 mm Öffnung praktisch die gleiche oder mehr Leistung bringt wie das 20x100. Beschreibung zum Kowa Highlander und Kowa Highlander Flourite.

 Miyauchi 20x100-90° APO

Es hatte mich diese Frage schon ein paar Jahre lang beschäftigt: Soll ich mir einen Miyauchi 20x100 zulegen, oder einen allseits bekannten, perfekten, kurzbrennweitigen Apo-Refraktor gleicher Öffnung, Brennweite, Gewichtsklasse, und in derselben Preislage? Immerhin hat letzterer ein größeres maximales Gesichtsfeld, ermöglicht Planetenoberflächen-Beobachtungen und eignet sich ausgezeichnet auch für die Astrofotografie. Daß der Miyauchi im wesentlichen auf eine Vergrößerung festgelegt ist, daran ändert auch der neuerdings mögliche Wechsel von 20x auf 37x grundsätzlich kaum etwas, denn die Dinge, für die man Vergrößerungen über 100x benötigt, sind eben nicht erreichbar. Also eigentlich keine Frage, oder? - Doch: denn beim Miyauchi bekommt man zwei 100/500 -Refraktoren, einen für jedes Auge! Das bedeutet erfahrungsgemäß eine effektive Öffnung von ca. 6" (manche Leute behaupten sogar noch mehr), und man benötigt keine parallaktische Aufhängung und Nachführung.

Ich will es deutlich sagen: Wäre ich ein junger, ehrgeiziger Einsteiger, der den Himmel erst erobern möchte, dann hätte ich nie einen solchen 20x100 Feldstecher gekauft. Nun aber liegen die Dinge anders, ich kann es mir leisten, sie mit etwas mehr Distanz (im wahrsten Sinne des Wortes) anzusehen. Vehrenbergs "Schönste Himmelsobjekte" dürfte ich fast alle im Original kennen, und zwar zumindest so, wie in seinen Aufnahmen, und Trümmer von über 10kg mag meine rechte Schulter nicht mehr besonders. Ich möchte etwas Kompaktes haben, das in einem Pilotenkoffer-Handgepäck Platz hat, wo die Montierung dazu auch mal im Restgepäck verschwindet, und ich will eine Lichtstärke von deutlich mehr als 10 cm Öffnung! All das und einen bequemen, binokularen 45°- (oder 90°-) Einblick bietet der Miyauchi. Also fiel letztendlich die Entscheidung doch zu seinen Gunsten aus, und der erste Testabend verlief so:

Aufbau des Geräts inklusive Campingsessel: weniger als 2 Minuten. Die Parkplatzsuche dauerte länger! Um die Wagenfigur in UMa herum stehen, ganz unproblematisch in kürzester Zeit nacheinander beobachtbar, sieben bekannte Galaxien aus dem Messierkatalog. M108 glimmt zwischen den beiden Sternchen links vor dem hellen "vorderen Rad", Uma-g. Aber nein, g muß nicht etwa außerhalb des Gesichtsfeldes bleiben, das Feld sieht auch so locker aus, wie auf Karte 47 von Uranometria I, nur eben mit sehr viel mehr Sternen. 12mag ist nicht die Grenze, Sterne von 12mag sind da: Schaut man etwas indirekt M81 an, so leuchten entsprechende Bekannte vor dieser ovalen Galaxis spontan auf! Eulennebel und M109 stehen gleichzeitig im Gesichtsfeld genauso wie im Atlas, und zwar da, wo ich sie mit kleineren Feldstechern schon oft mühsam gesucht, und mir schließlich eingeredet habe.

Es ist eine typische, brauchbare Juninacht am westlichen Stadtrand von München. Der strahlende Lichtdom des Stadtzentrums rechts läßt nur die Hauptsterne vom Schwan erkennen, das Milchstraßenband ist nicht vorhanden. Was macht der Ringnebel in der Leier unter diesen Bedingungen? Er leuchtet ganz ohne Filter als helles, rundes Scheibchen zwischen vielen punktförmigen Sternen! Leuchtet, nicht glimmt!

Im Osten steht der Adler über der Stadtglocke. Also Aufwärtsschwenk von da in Richtung Verlängerung der 3 Hauptsterne bis zum so praktisch am Himmel angebrachten "Wegweiser" C.399, ihm folgen, aber immer rechts halten - jawohl, da ist er! M27 wird "Hantelnebel" genannt, und der Miyauchi zeigt tatsächlich auch warum - und zwar bei diesem Mieshimmel und ohne jedes Deep-Sky- oder UHC-Filter! M11 könnte schon knapp über dem Horizont sein, aber sozusagen nur knapp über dem Marienplatz. Von der sichelförmigen Sternformation, an deren Ende man M11 sonst findet, ist natürlich nichts zu sehen, nur die 3 Hauptsterne vom Adler eben. Also fahre ich die Suppe im "heißen" Gebiet einfach einmal blind ab. Plötzlich wischt eine Kette blendend heller Sterne durch das Gesichtsfeld. Donnerwetter, das ist die Sichel, und rechts am Ende steht auch M11: Ein (9mag) heller Stern umgeben von einem mächigen Nebelchen. Und dann stütze ich die Hände ab, und schaue einige Sekunden genauer hin: Nein, da pieksen Dutzende von winzigen, einzelnen, nadelfeinen Sternchen ganz dicht gedrängt am Horizont voll durch die Lichtglocke von Zentral-München hindurch. Von 11. Größenordnung und schwächer sind sie laut "Burnhams". Mir wird klar, was dieser Feldstecher auf der Zugspitze oder dem Wendelstein leisten wird, wo ich ihn + Stativ ohne einen Umzug zu veranstalten, allein und unauffällig mit hinnehmen kann!

Nachdem Uma so schön hoch steht, krebst die Cassiopeia notgedrungen am Nordhorizont herum. Die Hauptsterne sieht man, sonst nichts. Ich ziele blind in Richtung h & c -Persei, nur mal so auf den gleichmäßig hellgrauen Himmel am Horizont. Im Okular wischen Sterngruppen hin und her, und nach ein paar weiteren, kleinen Suchschwenkern habe ich den Volltreffer: Zwei volle Haufen strahlend heller Sterne, alle mit unterschiedlichen Farben(!), lassen das ganze Gesichtsfeld aufleuchten. Die Kontrastleistung des Geräts ist beeindruckend, denn mit bloßem Auge sieht man in der Gegend rein garnichts. Das Ding ist einfach ein Genuß! Einfach nur so!

Ein letzter Gedanke schießt mir durch den Kopf: Was machen Doppelsterne? - Also hoch zum Zenit! Neben der blendend hellen Hauptkomponente von Mizar steht deutlich getrennt die 1,5mag schwächere Komponente als sauberes Pünktchen ohne Strahlen oder Deformationen (in 14,4" Abstand) und auch b im Skorpion, weit hinter mir im Süden, erscheint bei 13,7" Abstand klar getrennt als Doublett mit einem ähnlich schwarzdunklen Zwischenraum. 10" Abstand dürfte auch bei den hellsten Sternen keine Schwierigkeiten bereiten, und bei schwächeren ist natürlich mehr drin, aber das sind die spannenden Sachen für die Zukunft! Ich bin auch sehr neugierig auf die südlichen Gasnebel in den Ferien, auf künftige, in SuW angesagte, kleinere Kometen als Hale-Bopp, und auf das Oriontrapez im Winter, denn dieses Glas nehme ich bestimmt auch bei Kälte eben mal kurz für 10 Minuten heraus, wenn sich sonst kein größerer Aufbau "lohnt"!

Zwei Dinge sollte ich vielleicht noch erwähnen. Ich habe die einfachste Version des Miyauchi 20x100 erworben, also keinen Apo, und gezahlt habe ich bevor mir die Idee kam, dies aufzuschreiben. - Ja, und doch noch etwas: Ich habe nicht dieses mulmige Gefühl im Magen. Sie kennen es, wenn man einen Haufen Geld herausgeworfen hat: War das jetzt nötig? Bringt’s das auch? Hätte man nicht doch lieber..? Nichts dergleichen! Das Geld ist vergessen und ich weiß sicher, daß ich das meistgenutzte Instrument für meine nächsten (hoffentlich noch) 20 Jahre gekauft habe!